Vergaberecht
Das Vergaberecht ist ein komplexes und dynamisches Rechtsgebiet, das fundierte Kenntnisse der nationalen und europäischen Vorschriften erfordert. Es ist essenziell, sowohl Auftraggeber als auch Unternehmen umfassend zu beraten, um rechtliche Risiken zu minimieren und die Verfahren rechtssicher zu gestalten.
Vergaberecht: Ein summarischer Überblick
Das Vergaberecht regelt die Beschaffung öffentlicher Aufträge durch staatliche Stellen, öffentliche Institutionen und andere Auftraggeber. Es dient dazu, ein transparentes, faires und wettbewerbsorientiertes Verfahren sicherzustellen, das Steuergelder effizient einsetzt. Das Vergaberecht umfasst sowohl nationale als auch europäische und internationale Vorschriften.
1. Grundlagen des Vergaberechts
1.1. Definition und Zielsetzung
- Definition: Vergaberecht ist der rechtliche Rahmen, innerhalb dessen öffentliche Auftraggeber Waren, Bauleistungen und Dienstleistungen beschaffen.
- Ziele:
- Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs.
- Transparenz und Nichtdiskriminierung.
- Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit bei der Vergabe öffentlicher Mittel.
1.2. Rechtsgrundlagen
National
- Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB):
- Regelt die Grundsätze der Vergabe und Rechtsmittelverfahren (§§ 97–184 GWB).
- Vergabeverordnung (VgV):
- Enthält detaillierte Regeln für Vergabeverfahren oberhalb der EU-Schwellenwerte.
- Vergabe- und Vertragsordnungen:
- VOB/A: Bauleistungen.
- UVgO (Unterschwellenvergabeordnung): Liefer- und Dienstleistungen unterhalb der EU-Schwellenwerte; sie hat im Bund und in den meisten Ländern die VOL/A abgelöst.
- VgV: Dienstleistungen oberhalb der EU-Schwellenwerte.
- Landesvergabegesetze:
- Zusätzliche Anforderungen auf Länderebene.
Europäisch
- EU-Richtlinien:
- Richtlinie 2014/24/EU: Klassische öffentliche Aufträge.
- Richtlinie 2014/25/EU: Sektorenrichtlinie (z. B. Wasser-, Energie- und Verkehrssektor).
- Richtlinie 2014/23/EU: Konzessionsvergaben.
International
- WTO-Übereinkommen über das öffentliche Beschaffungswesen (GPA):
- Regelungen für internationale Ausschreibungen.
2. Anwendungsbereich des Vergaberechts
2.1. Subjektiver Anwendungsbereich
- Öffentliche Auftraggeber:
- Bund, Länder, Gemeinden.
- Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts.
- Sektorenauftraggeber:
- Unternehmen im Wasser-, Energie-, Verkehrs- und Telekommunikationssektor.
- Konzessionsgeber:
- Öffentliche oder private Auftraggeber, die Dienstleistungen oder Baukonzessionen vergeben.
2.2. Objektiver Anwendungsbereich
- Vergabearten:
- Lieferaufträge.
- Dienstleistungsaufträge.
- Bauaufträge.
- Grenze: Schwellenwerte:
- EU-Schwellenwerte legen fest, wann europäisches Vergaberecht gilt (ab 1. Januar 2026: 216.000 € für Liefer- und Dienstleistungen subzentraler Auftraggeber, 140.000 € für oberste und obere Bundesbehörden, 5.404.000 € für Bauaufträge).
3. Vergabearten und Verfahren
3.1. Vergabearten
- Offenes Verfahren:
- Alle interessierten Unternehmen können Angebote abgeben.
- Nichtoffenes Verfahren:
- Begrenzter Teilnehmerkreis; vorherige Eignungsprüfung.
- Verhandlungsverfahren:
- Auftraggeber verhandelt mit ausgewählten Bietern.
- Wettbewerblicher Dialog:
- Auftraggeber erarbeitet gemeinsam mit Bewerbern die Lösung.
- Innovationspartnerschaft:
- Entwicklung innovativer Produkte oder Dienstleistungen.
- Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb / Direktauftrag:
- Nur in eng begrenzten Ausnahmefällen, z. B. bei äußerster Dringlichkeit oder – unterhalb der Schwellenwerte – bei geringem Auftragswert (Direktauftrag) bzw. Dringlichkeit.
3.2. Phasen des Vergabeverfahrens
- Vorbereitungsphase:
- Bedarfsermittlung und Markterkundung.
- Erstellung der Vergabeunterlagen.
- Bekanntmachung:
- Veröffentlichung der Ausschreibung (z. B. im Amtsblatt der EU).
- Angebotsphase:
- Einreichung von Angeboten durch interessierte Unternehmen.
- Prüfungs- und Wertungsphase:
- Prüfung der Eignung der Bieter und der Angebote.
- Wertung nach festgelegten Kriterien (z. B. Preis, Qualität).
- Zuschlag:
- Erteilung des Auftrags an den wirtschaftlichsten Bieter.
4. Grundprinzipien des Vergaberechts
- Wettbewerb (§ 97 Abs. 1 GWB):
- Förderung des Wettbewerbs zwischen den Anbietern.
- Transparenz (§ 97 Abs. 1 GWB):
- Offenlegung aller relevanten Informationen während des Verfahrens.
- Gleichbehandlung (§ 97 Abs. 2 GWB):
- Keine Diskriminierung von Bietern, insbesondere aufgrund von Herkunft.
- Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit:
- Auswahl des wirtschaftlichsten Angebots.
5. Besondere Anforderungen
5.1. Nachhaltigkeit und soziale Kriterien
- Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialstandards (§ 97 Abs. 3 GWB).
- Möglichkeit, besondere Anforderungen an die Nachhaltigkeit zu stellen (z. B. energieeffiziente Produkte).
5.2. Innovationsförderung
- Einsatz innovativer Vergabeinstrumente wie der Innovationspartnerschaft.
6. Rechtsmittel und Nachprüfung
6.1. Nachprüfungsverfahren
- Zuständigkeit:
- Vergabekammern (erstinstanzlich).
- Oberlandesgerichte (Beschwerdeinstanz).
- Ablauf:
- Rügepflicht: Bieter müssen Verstöße zunächst beim Auftraggeber rügen.
- Antrag auf Nachprüfung: Einreichung bei der Vergabekammer.
- Entscheidung der Vergabekammer: Möglichkeit zur Beschwerde beim OLG.
6.2. Schadensersatz
- Bieter können den Vertrauensschaden (insbesondere Kosten der Angebotserstellung) nach § 181 GWB verlangen; entgangenen Gewinn nur, wenn ihnen der Zuschlag hätte erteilt werden müssen (§§ 280, 311 Abs. 2 BGB).
7. Steuerrechtliche und finanzielle Aspekte
7.1. Umsatzsteuer
- Öffentliche Auftraggeber müssen die Umsatzsteuer bei nationalen und grenzüberschreitenden Aufträgen beachten.
- Bei grenzüberschreitenden Leistungen gilt das Reverse-Charge-Verfahren (§ 13b UStG).
7.2. Haushaltsrecht
- Öffentliche Auftraggeber sind an die Vorgaben des Haushaltsrechts gebunden.
8. Herausforderungen und typische Konflikte
8.1. Vergaberechtliche Konflikte
- Diskriminierung von Bietern:
- Bevorzugung bestimmter Anbieter durch unfaire Vergabebedingungen.
- Fehlerhafte Wertung:
- Nichtberücksichtigung wirtschaftlichster Angebote.
- Intransparenz:
- Unklare oder unzureichend kommunizierte Vergabekriterien.
8.2. Lösungsmöglichkeiten
- Einhaltung der Vergabegrundsätze und Rechtsvorschriften.
- Unterstützung durch rechtliche Beratung und Compliance-Programme.
9. Tätigkeiten unserer Kanzlei im Vergaberecht
9.1. Beratung
- Unterstützung öffentlicher Auftraggeber bei der Erstellung und Durchführung von Vergabeverfahren.
- Beratung von Unternehmen bei der Angebotserstellung.
9.2. Vertretung
- Vertretung in Nachprüfungsverfahren vor Vergabekammern und Gerichten.
- Verteidigung gegen Schadensersatzforderungen.
9.3. Prävention
- Schulung von Mitarbeitern im öffentlichen Sektor.
- Entwicklung von Compliance-Strategien zur Einhaltung vergaberechtlicher Vorgaben.
10. Wichtige Entscheidungen im Vergaberecht
- EuGH, “Pressetext”-Urteil (2008):
- Klärung, wann Vertragsänderungen nach Vergabe eine neue Ausschreibung erfordern.
- EuGH, Falck – Rettungsdienstleistungen (2019):
- Rettungsdienstleistungen gemeinnütziger Organisationen können unter die Bereichsausnahme fallen (Rs. C-465/17); in Deutschland § 107 Abs. 1 Nr. 4 GWB.
11. Zukünftige Entwicklungen im Vergaberecht
11.1. Digitalisierung
- Einführung digitaler Vergabeplattformen.
- Automatisierung von Vergabeverfahren durch KI.
11.2. Nachhaltigkeit
- Verstärkter Einsatz von Umwelt- und Sozialkriterien.
11.3. EU-Reformen
- Vereinfachung und Harmonisierung der Vergabeverfahren in der EU.
Ihre Ansprechpartner im Vergaberecht

Karoline Behrend
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Vergaberecht

Stefan Karfusehr
Rechtsanwalt

Robin Jannis Mai, LL.B.
Rechtsanwalt
Alle Anwältinnen und Anwälte finden Sie in der Übersicht, weitere Schwerpunkte unter Rechtsgebiete.